6. Runde SGM 2010/11

Bern I Bern II Bern III

1. Regionalliga Zone A

Bern 1-SK Thun 13.5:2.5
Jürgen Strauss-Kaspar Stucki0:1
Lukas Kulczyk-Erwin Tellenbach1:0
Noël Studer-Thomas Bien1:0
Zeno Kupper-Ramon Stucki0:1
Jean-Marc Horber-René Finger½:½
Samuel Schneider-Stefan Morgenthaler1:0


Rangliste

1.Bern1222½
2.Biel SG821½
3.Court818½
4.Valais 2619
5.Schwarz-Weiss Bern 2618½
6.Grand Echiquier Lausanne315½
7.SK Thun311½
8.Guy Otine216


Bern I Bern II Bern III

2. Regionalliga Zone B

Jura 1-Bern 22.5:2.5
Marcel Eschmann-Marcel Gyger½:½
Walter Zingg-Ernst Rindlisbacher1:0
Pascal Eschmann-Gabriel Hefti0:1
Gilles Droux-David Schaffner½:½
Jean-Pierre Babey-Linus Rösler½:½


Rangliste

1.Bern 21018½
2.La Chaux-de-Fonds1018
3.Grenchen615
Neuchâtel 2615
5.Mett-Madretsch515
6.Biel SG 2413½
7.Jura412½
8.SK Zollikofen312½


In der vorletzten Runde der SGM hat die zweite Mannschaft des Schachklub Bern auswärts gegen Jura anzutreten. Es soll Mannschaftsleiter geben, die auf Google Pläne und auf www.sbb.ch Fahrpläne ausdrucken und es soll sogar welche geben, die eine Woche vor dem Spieltermin rekognoszieren gehen. In der zweiten Mannschaft des Schachklub Bern geht es lockerer zu. Die große Erfahrung von Marcel und Aschi als Nachwuchsbetreuer, von David und Linus als Nachwuchsspieler und von mir als früherer Mannschaftsleiter macht uns alle ganz sicher: Jura spielt in Court, also steigen wir in Moutier um und fahren ins fünf Kilometer entfernte Court, einer 666 Meter über Meer beidseits der Birs liegenden Ortschaft mit 1352 Einwohnern mitten im Kettenjura. Marcel und Aschi schreiten zielsicher voran, wissen sie doch, wo jeweils die Jugendturniere gespielt werden. Komisch nur, dass partout niemand hier in Court eine Avenue de la Liberté oder eine Maison des Parmentiers kennen will, obwohl auf der Einladung als Spielort erwähnt. Bis auf die Metzgersfrau, welche diese in Moutier ortet. Zurück auf der Strasse bestätigt ein Blick auf Davids Ausdruck die Ausführungen der Dame. Während ich vor einer Beiz mit David und Linus neben mir auf Rat von Einheimischen ein Taxi bestelle, bekommen dies Marcel und Aschi nicht mit. Sie entfernen sich Richtung Bahnhof. Ich schreie ihnen hintennach „In zehn Minuten kommt ein Taxi“, sie zurück, „Am Bahnhof wartet schon der Zug nach Moutier“. Fast wie im Sportflugzeug bei Mani Matter. In größter Eile laufen David, Linus und ich plötzlich los und Marcel und Aschi hintennach und erreichen außer Atem noch den Zug nach Moutier. Kaum fahren wir, lachen wir und fragen uns, was die beiden Einheimischen von den drei Bernern denken, die auf ihren Rat ein Taxi in Moutier bestellen und nur wenige Sekunden später, ohne ein Wort zu verlieren hastig weglaufen. Die Bestellung können wir nicht mehr stornieren, da die Verbindung zum Taxiunternehmen über 1811 direkt hergestellt wurde. Wenige Minuten später sind wir in Moutier und treffen rechtzeitig am Spielort ein, im Dachstock eines Schulhausbaus mit wichsegebonertem Boden wie früher. Im abgeschrägten Raum werden wir freundlich begrüßt und setzen uns an die Bretter.

Das Match endet unglücklich unentschieden. Marcel hatte eine Endspielstellung mit Mehrqualität, die aber nicht mehr zu gewinnen war. Aschi verdarb seine schön geführte Angriffsparte in Zeitnot. David kam sehr gut aus der Eröffnung, patzte aber dann und mußte am Ende allenfalls noch froh sein über das gegnerische Remisangebot. Linus führte seine Partie souverän in ein Endspiel mit Minusbauer und ungleichfarbigen Läufern, welches er sicher remis hielt. Nachfolgend die einzige Gewinnpartie:

Pascal Eschmann- Gabriel Hefti

1.d4 e6 2.c4 b6

Auf 2. e4 folgt natürlich niemals d5, die Einlebenlangvariante die schon Generationen von Schachspielern auf ein anderes Hobby umsteigen ließ. Viel knackiger ist 2...b5, also Franko-Polnisch. An dieser Stelle scheint mir ein kleiner Exkurs unbedingt angebracht: Rainer Schlenker, Spitzenspieler mit 2250 Führungspunkten des in der badischen Bereichsliga spielenden Schachclub Bad Dürrheim 86 e.V. wird auch „der König des Kaffeehausschachs“ genannt (http://www.bad-duerrheim.bsv-schach.de/infos.html). Im Jahr 2009 gab er im Rand Springer Verlag die Broschüre „Bastard-Schach“ heraus. Eine ätzende aber auch witzige Rezension über die Broschüre findet sich unter http://www.chessbase.de/nachrichten.asp?newsid=8749. Eine von Schlenkers tollkühnen Varianten ist eben Franko-Polnisch. Er spielte die Variante am ersten Brett seines Vereins gegen Mathias Winker, den Spitzenspieler und Schriftführer der Schachfreunde Furtwangen-Vöhrenbach.

Winker, Mathias - Schlenker, Rainer

1.e4 e6 2.d4 b5 3.Lxb5

Fazit der oberwähnten Chessbase-Rezension: „Bauer weg!“

3... Lb7 4.Sc3 Lb4 5.De2 f5 6.Ld3 Sf6 7.Lg5 c5 8.dxc5 fxe4 9.Lxe4 Lxc3+ 10.bxc3 Lxe4 11.Lxf6 Dxf6 12.Dxe4 Dxc3+ 13.Ke2 Dxa1 14.Dxa8 0–0

Winker - Schlenker

Rainer Schlenker kommentiert in Kaissiber 34 (Seite 73) seine Partie an dieser Stelle unter Verweis auf eigenes Schrifttum folgendermassen: „Dies alles ist durchaus schon in den Büchern, zuletzt auf Seite 42 von Bastard-Indisch (wo dokumentiert wird, daß auch anders als die Textfortsetzung Weiß kaum rettet). Hat aber offenbar nicht jeder gelesen...., „kontemporär spielt Schwarz mit Turm und Springer mehr, da die gegnerischen Figuren in der Grundstellung festgesetzt sind“.

15.De4 Sc6 16.g3 Sd4+ 17.Ke3 Dc3+ 18.Dd3 Sxc2+ 19.Ke4 Dxc5 0–1

Die Partie macht Lust auf mehr Franco-Polnisch. Das Problem ist nur, dass Ludger Keitlinghaus (in Kaissiber 27 auf Seite 10) und Bent Larsen (in Kaissiber 28 auf Seite 17) mit überzeugenden Varianten darauf hinweisen, dass Schwarz nach weissem 4. f3 Dh4+ 5. Kf1 zuwenig Kompensation für den Bauern hat. Darum beende ich jetzt meinen Exkurs über diese sozio-kulturell bedeutende Variante und fahre mit meiner eben erst begonnen Partie fort, einer Art unechtem Baby-Franco-Polnisch.


3.Sc3 Lb7 4.e4 Lb4 5.Ld3 f5 6.f3 Sh6

Eschmann - Hefti

„Maybe this move is not stronger than 6... Qh4+ 7. g3 Qh5 objectively (or perhaps it is even weaker, who can tell). However, the fact that it is possible at all, makes me like it. What is the point of the 6…Sh6!? Teaser? We do not want to play 6...Sf6 because of 7. e5, but the g4-square is very tempting. Thus, we duly bring our knight to h6, castle, move the queen to h4, exchange on e4, Sg4, and mate! White has to do something. (Ilia Odessky, English Defense, Moscow 2008, S. 27).

Übrigens ist an der Stellung nach 6…Sh6 noch folgendes interessant. Fast dieselbe Stellung entsteht mit vertauschten Farben im Baby-Orang-Utan, nämlich nach 1.b3 e5 2.Lb2 Sc6 3.e3 d5 4.Lb5 Ld6 5.f4 f6 6.Sh3

Baby-Orang-Utan

Trotz weißem Mehrtempo verspricht der Aufbau hier weniger, da der c-Bauer immer noch auf c7 steht, was die gegnerischen Möglichkeiten einschränkt. Wer mehr über diese Problematik wissen will, dem sei Chapter 2 „Wanderer, there is no path through...“ aus dem Buch „Play 1. b3!“ von Ilya Odessky, New In Chess Verlag, Alkmaar 2008 empfohlen. Zu dieser Problematik des schwarzen Informationsvorsprungs (Schwarz weiss immer schon, was Weiss gezogen hat), äussert sich auch Jonathan Rowson in „Schach für Zebras, Anders denken über Schwarz und Weiss“, Gambit Verlag 2007, aus Seite 279: „Die Züge des Gegners liefern uns Informationen über die Formation, in der sich seine Stellung befindet.“ Konkret in den beiden hier interessierenden Stellungen: Schwarz spielt 6..Sh6 im Wissen, dass Weiss mit c4 seine Struktur am Damenflügel bereits diesbezüglich unverückbar festgelegt hat, während Weiss 6. Sh3 spielen muss, obwohl Schwarz den c-Bauern noch nicht gezogen hat. Langer Rede Xaver Unsinn: Ich komme zurück auf meine SGM-Partie, die wir mit dem zweitletzten Diagramm verlassen haben:

7.Dc2 0–0 8.Sge2 c5 9.d5 Dh4+ 10.g3 Dh5 11.Sf4 Df7 12.Ld2 fxe4 13.Sxe4 exd5 14.cxd5 Sa6

Eschmann - Hefti

Nicht nur mein Gegner, sondern auch meine Mannschaftskollegen haben nach der Partie gar kein Vertrauen in die schwarze Stellung. Mein Gegner ist gar der Ansicht, er habe einfach zu früh geopfert. Die Analyse mit Fritz zeigt aber keinen Weg für klaren weißen Vorteil.

15.a3 Lxd2+ 16.Kxd2 Sf5

Eschmann - Hefti

Mit seinem nächsten Zug greift Weiß fehl. Die Stellung ist aber sicher unendlich viel schwieriger als die Anreise fürs Auswärtsteam.

17.Sd6?? Sxd6 18.Lxh7+ Kh8 19.The1 Sf5 20.Lxf5 Dxf5 21.Sg6+ Kh7 22.Sxf8+ Txf8 23.Te4 Lxd5 24.Th4+ Kg8 25.Da4 Sc7 26.Tf4 Dg5 27.h4 Txf4 28.gxf4 Dg2+ 29.Kc3 Dxf3+ 30.Kd2 Df2+ 31.Kc3 De3+ 32.Kc2 Le4+ 33.Kd1 Lf3+ 34.Kc2 De2+ 35.Kb1 Dd3+ 36.Dc2 Df1+ 37.Ka2 Ld5+ 38.b3 Dxf4 39.Tg1 Dxh4 40.Db2 Se6 41.Dd2 Sd4 42.Kb2 Df6 0–1

Nach dem Match essen wir Pizzas im Restaurant gegenüber dem Bahnhof (von Moutier, nicht von Court). Auf dem Gebäude weht die jurassische Fahne. Früher beherbergte es die Büros des Rassemblement Jurassien von Roland Béguelin. Jetzt flimmert drin die hitzfeldsche Nullnummer und danach der SCB-Match. Auf der Heimfahrt entspannt sich im Zug eine Diskussion darüber, ob die Finanzen des Schachklub Bern den Erwerb eines neuen Druckers erlauben. Stolz und Freude löst auch die fernmündlich über das Mobiltelefon unseres Mannschaftsleiters eintreffende Nachricht aus, daß der Betreuer der Homepage eben ganz ohne fremde Hilfe die Doktorwürde erlangt hat. Für die Nachfolge des schweizerischen Verteidigungsministers steht er nicht zur Verfügung.

Gabriel Hefti


Bern I Bern II Bern III

3. Regionalliga Zone D

Bern 3 spielfrei